In eigener Sache:
Nationalsozialismus, Kommunismus und Gegenwart

Meine Generation, besonders ihr "progressiv" auftretender Teil, warf den Eltern und Großeltern vor, sie hätten im Nationalsozialismus versagt. Dass unsere Vorfahren der nationalsozialistischen Propaganda und den ab 1933 gleichgeschalteten Medien auf dem Leim gingen oder den Mut nicht fanden, Widerstand zu leisten, nahmen wir ihnen übel und sahen das Versagen als moralisch verwerflich an. Viele Eltern erzählten nach dem Krieg, sie hätten nicht viel gesehen und gewusst - die meisten von uns in der 68er Studentenbewegung lachten da nur. Viele Ältere hielten es für sinnlos, über ihr Leben und ihre eventuelle Verstrickung im Dritten Reich zu erzählen - sie sahen, dass es den jungen Richtern nicht ums Verstehen und Lernen, sondern ums Verurteilen ging.

Die 68er-Generation hatte nun 45 Jahre Zeit, es besser zu machen. Ihr Auftritt 1967/68 fing damit an, den freiesten und sozialsten Staat, den es je in Deutschland gab, in Grund und Boden zu verurteilen und als faschistoid darzustellen. Dabei legten sie ein Gebahren an den Tag, das den Aktivitäten des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes anfang der 30er Jahre inEmbleme des Kommunistischen Studentenbunds/Marxisten-Leninisten bedrückender Weise ähnelt. Der von ihnen angegriffene Staat gewährte ihnen diese Freiheit und auch die Freiheit zu dem, was in den 70er Jahren geschah: Es formierten sich maoistische, zugleich stalinistische Gruppen, die eine gewaltsame Revolution, die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und eine "Diktatur des Proletariats" nach stalinistischem und maoistischen Vorbild anstrebten. Der Verfasser dieser Zeilen gehörte zu den freiwilligen Mitläufern und Befehlsempfängern maoistischer Führer der 70er Jahre. Wir hatten mehr Glück als Verstand und scheiterten mit dem Revolutionsprojekt. Unsere Eltern hatten das Pech, dass Hitler beinahe alles gelang - Pech selbst für die, die ihm misstraut oder ihn abgelehnt hatten.

Die Verbrechen des Kommunismus stehen denen des Nationalsozialismus kaum nach, sie erreichten ihre Höhepunkte in der Sowjetunion, China und Kambodscha. Wir Kommunisten spielten die vom eigenen Lager verursachten Blutströme herunter, dichteten sie zu notwendigen Kolateralschäden von "Befreiung" um oder verdrängten sie. Sie spielen heute in den deutschen Medien nur noch eine untergeordnete Rolle, obwohl doch mit der DDR der Kommunismus eine deutsche Filiale hatte und sein Niedergang erst 24 Jahre zurückliegt. Dass in der DDR nicht noch mehr Blut floss, darf ihr nicht als Verdienst angerechnet werden, es liegt nicht an der Güte des Systems, sondern daran, dass durch die Stationierung der Roten Armee die Macht der SED vervielfacht war. Jedes Aufbegehren war in seinen Erfolgsaussichten lächerlich.

Wie erklärt es sich, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus in den Medien täglich, stündlich behandelt werden und die des Kommunismus weitgehend aus dem Blickwinkel geraten sind? Nun, Exponenten der Bewegung, die in den 70er Jahren den Kommunismus anstrebten, sitzen inzwischen selbst mit an den Schalthebeln der Gesellschaft. Die 68er in Politik und Medien haben inzwischen ein Regime gegenüber der heutigen außerparlamentarischen Oppostition etabliert, gegen das die von Kiesinger, Brandt und Schmidt angeführten Koalitionen zwischen 1966 und 1982 als überaus freiheitlich bezeichnet werden müssen. Die 68er in Politik und Medien haben die Freiheit für den radikal Andersdenkenden, in der sie groß wurden, weitgehend beseitigt.

Niemand fragt uns Kommunisten der 70er Jahre: Warum habt ihr die gewaltsame Revolution und die "Diktatur des Proletariats" angestrebt? Wie hättet ihr euch verhalten, wenn ihr Erfolg gehabt hättet? Wie konntet ihr für Ho Chi Minh, Mao Tsetung und Pol Pot demonstrieren, Stalin verehren oder Ulbricht und Honecker die Stange halten? Was hättet ihr, so wie ihr auf Diktatur aus wart, 1933 getan? Wie steht ihr heute zur Meinungsfreiheit in Deutschland? Einer Freiheit, die von euren Vorbildern einst mit Geheimdiensten abgewürgt und millionenfach mit Blut ertränkt wurde und die heute hier durch Sitzblockaden, Demonstrationsverbote usw. behindert wird?

Als am 13. Februar 2013 der ehemalige Maoistenführer und spätere taz-Redakteur Christian Semler starb, waren nicht nur die taz, sondern auch die führenden Tageszeitungen Deutschlands voll des Lobs für diesen "milden, solidarischen, sehr sympathischen Mann". Mir verschlug es die Sprache. Die Leitmedien bescheinigten Semler, sich nach 1980 vom Totalitarismus abgewendet zu haben. Ich kannte ihn, meinen obersten Chef in der maoistischen KPD, nicht persönlich und möchte nicht anzweifeln, dass er zu Gleichgesinnten nett war. Seine alten Reflexe scheinen aber auch nach 1980 noch funktioniert zu haben, so als er 2007 dem Büchner-Preisträger Martin Mosebach über den Mund fuhr. Dieser habe, so Semler in der taz, "revisionistisches Gerede" über die Französische Revolution abgelassen, seine Preisrede sprenge "entschieden den Rahmen dessen, was die Duldsamkeit gegenüber schriftstellerischer Rede zu ertragen gebietet". Der Maulkorb wird hier nicht vom kommunistischen Geheimdienst verpasst, sondern es wird aus einem taz-Artikel heraus mit ihm gefuchtelt.

Unter den Titel

Den Totalitarismus erst offen vertreten, dann verbrämt

gehe ich weiter auf das Medienlob für den ehemaligen KP-Führer ein und umreiße die von ihm und anderen 68ern sowie von ihren Schülern betriebenen totalitären Tendenzen im heutigen Deutschland.

15. März 2013
Harald Noth