Brief von Werner Nachmann an Hans Filbinger

 (Abschrift aus der Abbildung des Briefs in: Hans Filbinger, Die geschmähte Generation.  Politische Erinnerungen. 3. erweiterte Auflage Esslingen, München 1994, S. 272)  

 

OBERRAT DER ISRAELITEN BADENS
KÖRPERSCHAFT DES ÖFFENTLICHEN RECHTS
- DER PRÄSIDENT -

75 Karlsruhe 1 (... Adresse)
29. Mai 1978

(... Adresse)

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

an der Diskussion über Ihr Verhalten und Ihre Entscheidungen während des Krieges will ich mich nicht beteiligen und kein Urteil abgeben; ich war, wie Sie wissen, nach den damaligen Gesetzen von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Ich kann jedoch sehr wohl beurteilen und möchte es auch zum Ausdruck bringen, daß Sie beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland Hervorragendes geleistet haben. Sie zählen nach meiner Meinung zu jenen Männern, die ihre ganze Kraft und Energie für die Verwirklichung des Grundgesetzes eingesetzt haben.

Seit vielen Jahren sind wir freundschaftlich verbunden. Während dieser Zeit konnte ich mit Ihnen viele Probleme, die mit dem Aufbau unserer von den Nazis zerschlagenen jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg auftraten, in vertrauensvoller Zusammenarbeit lösen und viele Sorgen mit Ihnen gemeinsam beraten. Ihre Hilfsbereitschaft bei dieser Arbeit ist von uns mit Befriedigung und Dankbarkeit verstanden worden.

Wir sind uns einig, daß die Verantwortung über die schlimmste Periode der deutschen Geschichte von den demokratischen Parteien unseres Landes gemeinsam getragen werden muß, und daß - ungeachtet der politischen Standorte - gemeinsames Ziel bleibt, die freiheitliche Demokratie zu erhalten und zu festigen.

Die unwürdigen Angriffe in der Weimarer Republik gegen hervorragende Männer wie Friedrich Ebert, Matthias Erzberger, Walter Rathenau und Gustav Noske haben mit dazu beigetragen, das damalige Staatsgefüge zu zerstören und damit den Weg für den Nazimus mit seinen verheerenden Folgen zu öffnen. Diese Erfahrung kann heute kein verantwortlicher Politiker außer acht lassen.

Damit soll jedoch keineswegs der Geschichtsvorhang zugezogen und den tatsächlichen Verantwortlichen der Nazizeit ein Freibrief ausgestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Ihr Werner Nachmann

 

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