Der Fall Hochhuths und der Süddeutschen Zeitung

Journalismus am Abgrund

Am Freitag, dem 13. April 2007 erlebte die Süddeutsche Zeitung ein Waterloo - und kaum einer merkte es. Sie druckte einen zweispaltigen, eingerahmten Artikel mit dem Titel "Der Lügner", Untertitel: "Zu Günther Oettingers Äußerungen über Filbinger". Darin behauptet Rolf Hochhuth, die Briten (!) hätten Filbinger in Kriegsgefangenschaft 12 Gewehre ausgeliehen (!), mit denen er dann den Matrosen Walter Gröger ermorden lassen (!) habe. 

Der Sachverhalt

Der Süddeutschen Zeitung ist bekannt, wer Hochhuth ist, denn sein Artikel hat einen redaktionellen Vorspann, in dem es heißt: "Hochhuth hatte durch die Veröffentlichung von Dokumenten über Filbingers Beteiligung an mehreren Todesurteilen gegen deutsche Soldaten in Zweiten Weltkrieg einen nicht geringen Anteil an Filbingers Rücktritt."

Hochhuth geht im Artikel auf folgende Aussage von Günther Oettinger ein: "Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte. Und bei den Urteilen, die ihm angelastet werden, hatte er entweder nicht die Entscheidungsmacht oder aber nicht die Entscheidungsfreiheit, die ihm viele unterstellen."

Hochhuth kommentiert:

"Eine unverfrorene Erfindung - allenfalls dadurch erklärlich, dass Filbinger auch seine engsten Mitarbeiter ebenso belogen hat wie damals in Stuttgart das Gericht. Im Rowohlt-Verlag ist - nur ein Beispiel - als Buch die Tragödie des Matrosen Walter Gröger erschienen, den Filbinger noch in britischer Kriegsgefangenschaft hat ermorden lassen. (...) Filbinger musste sich denn auch, um diesen 21-jährigen erschießen zu lassen, von den Briten zwölf Gewehre ausleihen, denn selbstverständlich hatten die Engländer ihre deutschen Gefangenen entwaffnet. Dann hat Filbinger das Peloton zusammengestellt; und sich selber, für den Ablauf dieser mörderischen Veranstaltung, als der 'Feuer!' befehlende Vollstrecker ins Protokoll gesetzt."

Dass Hochhuth Bescheid weiß, betont er selbst noch einmal, wenn er schreibt: "Ich fand die Gröger-Akte im Bundesarchiv."

Das Urteil Hochhuths lautet: Filbinger ein sadistischer Nazi. An der oben mit (...) gekennzeichnete Stelle steht nämlich:

"Leser, die lange nach dem Krieg geboren wurden, werden sich das nicht vorstellen können, daher man ihnen leider umständlich erklären muss: Die britische "Gewahrsamsmacht" wie das im Rotwelsch der damaligen Epoche hieß, hatte in ihren Gefangenen-Lagern den Nazi-Offizieren die Gerichtsbarkeit über ihre Mitgefangenen belassen; daher der ebenfalls von den Briten gefangene Marine-Stabsrichter Filbinger noch darauf bestehen konnte, gegen seinen Mitgefangenen, den Matrosen Gröger, ein im Kriege, der längst durch die totale Kapitulation beendet war, wegen Fahnenflucht ergangenes Urteil noch zu vollstrecken - wozu nichts Filbinger genötigt hat als die Tatsache, dass er ein sadistischer Nazi war! Der auch vom Stuttgarter Gericht damals expressis genannte "furchtbare Jurist"."

Folgt man Rolf Hochhuth, ist Hans Filbinger wohl der härteste aller Funktionsträger in der deutschen Militärjustiz: 

 "Ich weiß von keinem zweiten Todesurteil, das Deutsche als Gefangene einer der Siegermächte noch in deren Lagern an Deutschen vollstreckt haben." (SZ, 13. 4. 07)

 Hochhuth kann die "Akte Gröger" nicht kennen. Das Buch, auf welches er sich bezieht, existiert nicht - wer sich einmal um tiefere Quellen als die Tagespresse bemüht hat, weiß, dass es im Rowohlt-Verlag kein Buch über Gröger gibt. Es gibt freilich den Roman "Steilküste"  von Jochen Missfeldt (Rowohlt 2005). Hier kommt die Greuelgeschichte Hochhuths vor, aber sie hat mit dem real existiert habenden Filbinger und Gröger nichts zu tun.

 Reaktionen aus dem Volk

 In den Leserreaktionen zu diesem Artikel online überwiegen solche stark, die Hochhuth beipflichten und Hass und/oder Verachtung gegen Filbinger und/oder Oettinger ausdrücken. Freilich gibt es auch etliche, die sich Fragen stellen, so etwa "pela1961"; sie schreibt: "Wenn ich jetzt lese, was genau geschah, (...), dann zweifle ich nicht mehr an der Tatsache, dass Filbinger durch und durch der nationalsozialistischen Irrlehre folgte. Aber etwas anderes gibt mir genau so zu denken: Wo waren die Briten? Wie kann es angehen, dass eine Nation, die den Krieg gegen Nazideutschland führte, den Vertretern des von ihr besiegten Regimes noch zugesteht, Urteile zu vollstrecken, die unter der Unrechtsherrschaft gefällt wurden?" Pela1961 malt sich dann aus, wie es wäre, wenn die Amerikaner den gefangenen irakischen Militärs erlauben würden, ihre noch unter Saddam Hussein gefällten Todesurteile gegen Fahnenflüchtige zu vollstrecken ... "bruddler", ein anderer Leser, schreibt: "Bitte noch mal? Gröger, Filbinger und andere Deutsche waren zusammen in britischer Gefangenschaft. Dann liehen die Briten den gefangenen Deutschen 12 Gewehre um Gröger in ihrer Gefangenschaft zu erschießen? Welchen erbärmlichen Mist sollen wir eigentlich noch glauben?"

Einige Leser baten flehentlich oder verlangten unwirsch, dass die Süddeutsche den Artikel wieder raus nimmt, so zum Beispiel "chrisheinz": "Liebe SZ, nehmen Sie Hochhuths Artikel aus dem Netz und setzen Sie eine Gegenmeldung, sonst sind Sie und der verehrte Altmeister morgen das Gespött der "Sun" auf deren Titelseite - zu Recht!"

Die SZ hat dann am späten Nachmittag oder Abend des 13. das Beweismittel aus dem Netz genommen. Ein neuer Atikel, in dem ein "Dementi" versteckt ist, wurde aufgenommen und am anderen Tag gedruckt (siehe unten).

 Wie konnte es zum Supergau kommen?

 In der Redaktion der Süddeutschen Zeitung hatte zunächst niemand die Ungeheuerlichkeit des Hochhuth-Artikels bemerkt. Sein Abdruck durch die SZ verlangt eine Erklärung. Sie ist von der Zeitung nicht abgegeben worden.

Ich versuche daher selbst, der Sache nahe zu kommen:

Im SZ-Kommentar "Oettingers Versagen" ebenfalls am 13. April schreibt Gustav Seibt, sieben Wochen nach der Hinrichtung Grögers sei der Krieg zu Ende gewesen. Das Datum 16. 3. 1945 für die Hinrichtung Grögers ist unumstritten (1), Seibt verwechselt es aber mit dem Tag, als das Todesurteil gefällt wurde. Zwar wird hier Hast oder Inkompetenz deutlich, aber dies wirkt sich hier nicht aus, da Seibt richtig davon ausgeht, Gröger sei sieben Wochen vor Kriegsende hingerichtet worden. Seibt gehört dem Redaktionsstab der SZ nicht an. Die Redakteure, die Hochhuths Geschichte ins Blatt setzten, können einen der beiden Artikel nicht gelesen oder verstanden haben.

Es herrscht - auch wenn schwerwiegendste Polemik verbreitet wird - eine auffällige Sorglosigkeit. Hochhuth bezeichnet Oettinger (und Filbinger gleich mit) immerhin als Lügner - sofern die Überschrift von ihm und nicht von der Redaktion stammt. Hochhuth bezeichnet Filbinger in diesem Artikel als Mörder ("... den Filbinger ... hat ermorden lassen") und als sadistischen Nazi. Es darf vermutet werden, dass alles Recht ist und akzeptiert wird, wenn es nur auf der Linie liegt: "Schlagt Filbinger, wo ihr ihn trefft!"

Auch die Sorglosigkeit Hochhuths zeigt, wie sicher man sich als Filbinger-Gegner sein darf, ohne Widerstand fürchten zu müssen. Dass man, wenn man sich vor Jahrzehnten einmal mit einem Fall befasst hat, viele Details vergisst, ist menschlich. Was aber Hochhuth da herausgekotzt hat, ist damit nicht mehr erklärbar. Es lässt vermuten, dass er, der Initiator und Kronzeuge der Anti-Filbinger-Kampagne 1978, den Fall Filbinger nie überblickt hat.

Entschuldigung?

Am selben Tag, als sich die Süddeutsche mit diesem Autor einen Supergau leistet, ruft Angela Merkel als CDU-Vorsitzende bei Günther Oettinger an und weist ihn in die Schranken wegen seiner nach ihrer Meinung undifferenzierten Filbinger-Rede. Erste Rücktritt-Forderungen aus Opposition und Gesellschaft gegenüber Oettinger werden laut. Dieses Land schreckt vor keiner Komödie zurück.

In diesem Klima muss die Süddeutsche Zeitung sich nicht entschuldigen. In der Papierausgabe von Samstag und schon Abends zuvor im Netz wird in die Offensive gegangen. Auf der Titelseite vermeldet die dreizeilige Überschrift: "Kanzlerin rügt den Stuttgarter Ministerpräsidenten. Merkel distanziert sich von Oettinger. CDU-Chefin vermisst in Trauerrede auf Filbinger den Blick auf NS-Opfer / SPD: Kein Versehen, sondern Taktik."

Auf Seite 5 schreibt Robert Probst den Artikel "'Filbinger war Öl im Getriebe'. Historiker widersprechen der Rechtfertigung des verstorbenen CDU-Politikers". In den letzten Sätzen dieses Artikels findet sich das "Dementi" verborgen. Doch zunächst einmal werden die alten Klagen auf Filbinger - unter Berufung auf den Militärhistoriker und Filbinger-Gegner Wolfram Wette (2) - wiederholt. So heißt es:  "Noch in britischer Gefangenschaft verurteilte Filbinger am 29. Mai - das Deutsche Reich hatte am 8. Mai bedingungslos kapituliert - den Soldaten Kurt Petzold wegen 'Gesinnungsverfalls' zu sechs Monaten Gefängnis." Der Autor der Süddeutschen vermeldet als Wettes Bilanz: "Filbinger war kein Sand im Getriebe, sondern Öl. Er hat sich in die Rolle des Militärrichters genauso verhalten, wie es die militärische und politische Obrigkeit des NS-Staates von ihm erwartete."

 Damit wird erneut suggeriert, Filbinger habe auch bei der Tätigkeit im Dienst der Briten NS-Gesinnung gezeigt. Es bleibt also alles beim Alten - die Stoßrichtung Hochhuths wird beibehalten. Der Leser muss weiterhin denken: Filbinger Nazi bis zum Geht-nicht-Mehr. Die am Vortag gemeldete Lügengeschichte vom Hochhuth wird direkt darauf wie folgt "dementiert":

 "Die Darstellung des Schriftstellers Rolf Hochhuth in der Süddeutschen Zeitung vom 13. April („Der Lügner“), Filbinger habe Gröger in britischer Gefangenschaft ermorden lassen, ist dagegen falsch. Die bekannte Aussage Hochhuths aus dem Jahr 1978 , Filbinger habe „sogar noch in britischer Gefangenschaft einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt“, bezieht sich auf den Fall Petzold. Für eine Stellungnahme war Hochhuth am Freitag nicht zu erreichen."  

(Mehr zum Fall Petzold siehe hier.)

 Wo liegt das Problem? Kleine Verwechslung. Der Mann, der als Mörder und sadistischer Nazi bezeichnet worden war und Gewehre geliehen haben soll, um den Gröger erschießen zu lassen, hat nicht dies getan, sondern einen anderen deutschen Matrosen  „sogar noch in britischer Gefangenschaft ...  mit Nazi-Gesetzen verfolgt“.

Wie weit kann Unverfrorenheit noch gehen? Entweder kolportiert die SZ noch im Dementi eine alte Lüge Hochhuths, oder es ist wahr und die Briten sind eine Erklärung schuldig. Wie konnte in ihrem Gefangenwnlager Verfolgung mit Nazi-Gesetzen geschehen?

 Mit der Geschichte Hochhuths wollte man untermauern, Oettinger sei ein Lügner - wo liegt das Problem, wozu eine Entschuldigung, wenn schon die Kanzlerin in den allgemeinen Sprechschablonen spricht?

 Die deutsche Presse hat Hochhuth in den Tagen nach dem Tod Filbingers viel zu Wort kommen lassen und auch seine Einlassungen in der Süddeutschen Zeitung vorab zitiert. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Fall Hochhuth/SZ aufgegriffen, wenn auch nicht, ohne alte Anwürfe gegen Filbinger zu zementieren. Von vielen anderen wurde der Fall nicht bemerkt oder nicht der Erwähnung wert gehalten. Man verschmutzt nicht gerne das eigene Nest. Im Vordergrund steht heute (14. 4.) überall die Rüge Angela Merkels für Oettinger.

14. 4. 2007 Harald Noth

(1) Siehe in: Günther Gillessen: Der Fall Filbinger. Ein Rückblick auf die Kampagne und die historischen Fakten. 

(2) Zur Kritik an der Parteilichkeit des Militärhistorikers Prof. Dr. Wolfram Wette siehe Harald Noth: Hans Filbinger und seine selbstgerechten Richter - dort ist auch der Wette-Artikel verlinkt, auf den die Süddeutsche sich u.a. stützt.

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Mehr zum Thema Filbinger:

Hans Filbinger und seine selbstgerechten Richter  - Anlässlich der Anti-Filbinger-Kampagne 2003

Was ist ein Nazigegner?  - Anlässlich der Rede Günther Oettingers im Freiburger Münster

Siehe auch:
Zur Methode der Anti-Oettinger-Kampagne

Mehr zum Journalismus in Deutschland: Ein Waterloo nach dem anderen ...

Im Noth Harald si Briäf üs Alemanniä - www.noth.net